Haut. Ein Text zu den Werken der Künstlerin Cornelia Blum
Ich hatte mich soeben neu erfunden. Es war einfacher gewesen als erwartet. Mir gefiel die gegenwärtige Form, die ich angenommen hatte, ich fand sie perfekt. Um die Perfektion zu betrachten, musste ich kurzzeitig den Zustand der absoluten Präsenz verlassen. Eine riskante Sache. Ich trat einen Schritt zur Seite, ließ aber vorsichtshalber meine Schuhe stehen, um auch ganz sicher wieder zurückzufinden. Die Schwerkraft erwischte mich mit voller Wucht. Ich hatte sie vollkommen vergessen, und dafür schien sie sich jetzt mit doppeltem Gewicht auf mich zu werfen. Schon bereute ich dieses Unterfangen und ich fragte mich ernstlich, ob es nicht ein Fehler gewesen war, so leichtfertig mein Glück aufs Spiel zu setzen. Alles nur um ein wenig Perfektion zu verfolgen. Eine Ahnung, eine warnende Stimme in mir flüsterte unentwegt, irgendetwas Wichtiges hatte ich nicht bedacht, irgendwie war ich nicht ausreichend vorbereitet. Ich hatte keine Ahnung, was es war – es wollte mir nicht einfallen. Also tat ich den nächsten Schritt, jetzt wo ich schon einmal hier war. Ich sah es sofort. Es war so offensichtlich, dass ich nur verwundert den Kopf schüttelte über das weltumspannende Jammern und Trauern. Jeder flüchtige Zerfall wurde unpassend lange betrauert. Vollkommen sinnlos. Aus purer Unwissenheit. Ein Gedanke genügte, um die andauernd stattfindende Häutung zu steuern. Es brauchte nur einen winzigen, schnellen Gedanken, der die Zellen und Moleküle, die sich unablässig aus allen Formen lösten, zu sammeln und zu bewahren. Perfektion. Sie ließ sich mühelos produzieren. Entscheidend war der richtige Augenblick, in dem sie geschah, denn sie ging sehr rasch vorüber und trat irgendwann erneut zutage. Niemand wusste wann sie wieder auftauchen würde. Ich übte es ein paar Mal an Holzstücken, bevor ich Passanten höflich für mein Spiel um ihre abgestorbenen Zellen bat. Keiner wehrte sich, sie bemerkten mich kaum, gaben abwesend ihre Zustimmung. Ich hob sie aus den Schuhen, aus den Gesichtern und legte ihnen ihr Ebenbild vor. Die meisten gingen achtlos an den Modellen ihrer soeben vergangenen Existenz vorbei. „Erstaunlich, wie gefangen die Leute oft von Kleinigkeiten sind,“ dachte ich. „Sie erkennen sich nicht, selbst wenn man sie mit der Nase darauf stößt.“ Dass ich in meinem Übermut einen blöden Fehler gemacht hatte, bemerkte ich erst, als mich das Spiel mit der Perfektion zu langweilen begann. Ich wollte zurück in meinem ursprünglichen Zustand, er hatte irgendwie mit Glück zu tun, ich musste mich beeilen, denn ich wusste dass die Schwerkraft die Gedanken trübte. Bald würde ich vergessen haben, wo ich her kam. Ich suchte nach meinen Schuhen die mir als Wegweiser dienen sollten – und sah, dass ich unbedacht auch sie zur Häutung veranlasst hatte. Sie waren so schön gewesen, wie sie da treu und ergeben auf mich warteten. Diesen Zustand wollte ich festhalten. Jetzt standen sie zwar noch an derselben Stelle, aber sie waren nicht mehr dieselben. Ich konnte mich drehen und wenden wie ich wollte – die Schuhe hielten für mich nichts anderes mehr bereit als den ewigen Kreislauf des Suchens. Ich wollte in Tränen ausbrechen, oder in wahnwitziges Gelächter, ich wollte sie zerbrechen und zerstören... aber ich tat gar nichts. Ich sank stumm in die Knie und betrachtete die Perfektion, die vor meinen Augen zerfiel. Meine Gedanken waren so leer wie die Hülle der ausgetretenen Schuhe vor meinen Augen, ich hatte vergessen wonach ich suchen sollte. Die Zeit durchdrang mich wie eine starke Droge. Ich hatte etwas Wertvolles verloren, das wusste ich noch, aber dafür gab es jetzt wieder ein Früher und ein Später. Es gab wieder Wünsche und Sehnsucht. Sie schmeckten süß. Sie zogen meine Gedanken in eine Richtung und versicherten mir, dass es viel zu tun gebe. Die Welt hatte mich wieder. Ich war verzweifelt und jubelte gleichzeitig, es war ein rauschendes, ermüdendes Fest, unsichtbare Greifarme trieben mich in einen wilden Tanz. Wenn ich erschöpft stehen blieb, hielten sie mich fest in einer innigen Umklammerung. In meiner Verwirrung konnte ich nicht mehr unterscheiden – war ich verlassen oder geborgen? Entsprach ich der Legende vom verlorenen Sohn? Oder war der Sohn grade irgendwo anders verloren gegangen? War ich am Anfang oder am Ende der Geschichte? Ratlos griff ich auf eine uralte Handwerkstechnik zurück, es schien mir das Greifbarste, Bodenständigste. Ich drehte mit zitternden Fingern an losen Fasern, spann sie mit einiger Geschicklichkeit, bis sie zu einem Faden wuchsen. Der Faden wurde länger, ich wickelte ihn auf. Mit der Zeit entstand ein brauchbares Knäuel, das ich verstricken konnte. Ich legte Schlinge um Schlinge aus, ein Geflecht wuchs vor mir auf dem Boden, beschrieb Kurven, Ellipsen und Winkel. Die Mathematik meldete sich zurück, mein Geist war noch mehr gefordert. Es schien mir eine sinnvolle Tätigkeit zu sein, sie entsprach meinem Suchen nach der perfekten Form. Ich flocht, ich stickte, ich webte. Ich spann immer festere Fäden. Die Idee wurde allmählich konkret. Ich entwickelte mathematisch logische Formen, sie schlangen sich weich und geschmeidig in die Fläche. Fläche, Punkt und Linie hielten meine Landkarten zusammen, ohne meine logischen Verflechtungen würde sie aus dem Zusammenhang fallen. Ich arbeitete fieberhaft, gönnte mir keine Ruhe, meine Gedanken kreisten unablässig, jemand fragte mich, ob er Moleküle aus meinem Gesicht benutzen durfte, ich verstand die Frage nicht und nickte zerstreut. Sollte er doch machen, was er wollte, was gingen mich frei schwebende Moleküle an? Ich wollte nicht riskieren, eine Schlinge falsch zu legen, die Folgen wären unabsehbar. Ich hatte schon einmal zu viel riskiert. Was genau wusste ich nicht mehr, aber ich hatte gelernt, dass die Gratwanderung gefährlich war. Auf Trost brauchte man nicht zu hoffen, das war mir klar geworden. Mein Ziel war die Perfektion, sie war der Schlüssel, den ich brauchte. Das Schloss würde sich zeigen, wenn ich den Schlüssel besaß, das war immer so. Irgendwann würde ich die perfekte Form finden und darin wäre eine Pforte enthalten. Sie würde sich für mich öffnen, sie musste sich öffnen. Es war ein verzweigtes System, aber ich würde mich schon zurechtfinden.
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