Die Literaturzeitschrift miromente gründeten Kurt Bracharz, Daniela Egger, Ulrich Gabriel und Wolfgang Mörth im Jahr 2005. Sie erscheint 4 Mal im Jahr und veröffentlicht literarische Texte aus dem deutschsprachigen Raum. Die vier Herausgeber/in präsentieren regelmässig auch eigene Texte.
Mehr Informationen unter www.miromente.at Die Ernüchterung Ich bekomme fast täglich ein Kind. Ich habe aufgehört, sie zu zählen, als meine Frau mich verlassen hat. Es ist wie eine Lawine, die irgendwann einmal losgetreten wurde, und seither rutscht sie sanft aber bestimmt in mein Haus. Es fing eigentlich ganz normal an. Nachdem Gauri in Sicherheit war, brachte mir eine ihrer Nachbarinnen ihren Säugling und bat mich, die Vaterschaft anzuerkennen. Ich tat es. Ich kannte sie nicht, aber ich wusste bei ihrem Anblick, in welcher Lage sie war, und dachte mir nichts dabei. Der Papierkram war rasch erledigt, wenn zwischen den Papieren ein paar Scheine stecken, geht hier alles ganz einfach. Auch beim zweiten Baby dachte sich noch niemand etwas. Mariana, meine Frau, war nicht glücklich darüber, aber sie half mir, die Babys mit ihren Müttern irgendwo in der Stadt unterzubringen. Das Kindergeld aus Österreich reichte für eine bescheidene Wohnung und ordentliches Essen. Nicht dass ich etwas Derartiges vorgehabt hatte. Als meine Frau mich das fragte, war ich erstaunt. Wer könnte sich ein solches Unterfangen ausdenken? Es geschah, weil Gauris Geschichte eine eigene Logik besaß und weil ich mich nicht dagegen wehrte. Dabei wollte ich mit Bettlern und armen Kindern nichts zu tun haben, als ich zum erstem Mal indischen Boden betrat. Damals war ich selbst verwahrlost, äußerlich nicht sichtbar, aber wer mich kannte wusste, dass ich an einem Ende angekommen war. Ich hatte mich bewusst ferngehalten von den Slumsiedlungen und den Bretterbuden entlang der Bahnschienen. Ich war unendlich müde und wollte mindestens einen Ozean zwischen mich und mein mürbes Leben schieben. Ich hätte niemandem helfen können. Ich war überzeugt, dass selbst Münzen und Scheine, von meiner Hand gegeben, verderben würden, bevor sie irgendjemandem etwas nutzen konnten. Aber das ist lange her und jetzt lebe ich in diesem Land, das so aufstrebend und ehrgeizig und erfolgreich ist. Es war leicht, eine Firma zu finden, die mich in Indien brauchen konnte. Meine Augen sind wieder scharf, jetzt, und ich sehe was um mich herum vorgeht. Deshalb trinke ich. Vielleicht hat sie mich auch deswegen verlassen, es ist ein bisschen viel, das Trinken, die Hitze hier und der ständige Lärm, der Schmutz, die vielen Babys ... und der Papierkrieg. Ich hatte ein Büro in unserem Haus, und jetzt ist es ein Lager von Aktenordnern, die sich entlang der Wände türmen. Noch führt ein schmaler Weg durch die Papierwächten, aber es kann nicht mehr lange dauern und das Zimmer ist verloren. Einmal kam ein Finanzbeamter aus Wien nach Mumbai, um mich kennenzulernen und meine Lebensumstände zu begutachten. Ich glaube er hatte den Auftrag, mich zur Vernunft zu bringen. Immerhin hatte ich eine ganze Abteilung seiner Behörde lahm gelegt, ich beschäftigte ein Team von teuren Spezialisten, die die Gesetzeslage prüfen mussten, natürlich auf Staatskosten. Ich hätte mir das nie leisten können, aber ich hatte die Prozesse ja auch nicht angestrengt. Das Finanzamt reagierte erst beim sechsundzwanzigsten Kind, für das ich die Vaterschaft übernommen hatte. Inzwischen sind es weit über zweihundert, ich habe ehrlich keine Ahnung, wie viele es genau sind. Ich weiß, dass die Botschaftsangehörigen mich beobachten lassen müssen. Ein Auftrag der österreichischen Regierung, das hat mir der Kulturattaché eines Abends bei einem Drink erzählt. Sie nehmen diese Aufgabe nicht besonders ernst, denn nach all dem Ärger haben sie mich und meine vielen Babys schon ebenso hingenommen wie den Verkehr oder die Hitze. Ich gehöre zu ihrem Indien, ich bin der, der die Papierflut wegen der vielen Vaterschaftsbestätigungen von ihren Tischen umleitete in mein eigenes Büro. Das hätte ich nicht tun müssen. Sie mögen mich. Taddäus starb zweimal in seinem Leben. Einmal, als er mit dem Trinken begann. Das war vor neun Jahren, kurz vor seiner ersten Reise nach Indien, und es geschah unbemerkt. Am zweiten Tag nach seiner Ankunft saß er auf der Terrasse seines Hotels, blickte über das kleine Gärtchen, das den Hotelgästen eine Ruheinsel im lauten und stinkenden Mumbai bieten sollte und versuchte, die Bilder der Bretterverschläge, in die er am Nachmittag geraten war, zu vertreiben. Dabei hatte er sich geschworen, sich von Slums und Bettlern möglichst fern zu halten, als er in Indien ankam. Der Fahrer des Tuk-Tuk hatte angesichts eines endlos scheinenden Staus die Nerven verloren, war seitlich abgebogen und hatte sich mit seinem schmalen Gefährt an den verwahrlosten Holzhütten vorbei geschlängelt. Sie waren nicht viel weiter gekommen, als sie sich etwa 400 Meter später hinter einem lkw wieder einreihten. Aber Taddäus wurde schlecht, weil der lkw sie für jeden gewonnen Meter in eine schwarze Rußwolke hüllte. Nach einem langen Fußmarsch in der staubigen Hitze kam er in sein Hotel zurück und ließ sich erschöpft auf der Terrasse nieder. Er hatte schon in Österreich angefangen, allabendlich einen Gin, oder auch zwei, zu trinken, als Malaria-Prophylaxe. Malaria bekam er dann trotzdem, aber erst viel später. Am zweiten Abend in Mumbai ging er zu Whiskey über und er trank, bis sich die Sonne in dem gelblichen Dunst aufgelöst hatte. Danach wurde es nicht mehr viel dunkler, eine ganze Weile lang blieb die Dämmerung diffus gelblich, und die Farbe des Getränks in seinem Glas war immer um eine Nuance dunkler und wärmer. Er schwitzte, während er bewegungslos saß und dem dumpfen Geräusch des Großstadtlärms zuhörte. Auf dem Tischchen vor ihm lagen ein Stift und das unbeschriebene Hotelbriefpapier. Seine Gedanken wanderten immer wieder zurück zu der sauberen Hütte im Slum. Er fluchte leise. Er war um die halbe Welt gereist, um eben nicht an Kameraeinstellungen zu denken, an Geschichten und Schicksale, die für ein übersättigtes Publikum noch von Interesse sein könnten. Das Wort »Einschalt-Quote« löste bei ihm Übelkeit aus. Dabei war er schon die längste Zeit dabei, Kamerapositionen und die unterschiedlichen Lichtverhältnisse rund um das Leben dieses Mädchens zu prüfen. Sie schien so jung. Und war es tatsächlich ein Baby, das er in der Hütte gehört hatte? Ihr Baby? Egal, morgen würde er abreisen, das Ticket war gebucht und er würde in den nächsten Wochen nichts anderes tun, als seinen Blick auf das Meer zu richten. Er sehnte sich nach Stille und er wollte sie erzwingen, indem er bewegungslos von einem Strand aus auf das blaue Nichts starrte. Solange, bis sich in seinem Geist wieder etwas regte. Was ging ihn eine fremde junge Frau an, die mitten im Slum von Mumbai gegen den Dreck aufbegehrte. Er würde sie doch eines Tages fressen, der Dreck würde in ihrer Hütte sein und an ihren Kleidern hängen, weil es für Leute wie sie nichts gab, was einen Unterschied machen könnte. Als er sich in einem der billigen Holz-Bungalows am Meer eingemietet hatte und sich der Ventilator über dem Moskitonetz schwerfällig zu drehen begann, kehrten seine Gedanken bereits zurück zu dem seltsamen Mädchen und er versprach sich, vor der Abreise nach Europa noch einmal dorthin zurückzukehren. Er war sicher, dass seine Erinnerung die Bude sauberer und das Lächeln des Mädchens strahlender machte, und vermutlich war er überhaupt noch nicht nüchtern gewesen, als er in den Slum getaumelt war. Sicher war ihm deshalb übel geworden, weil er beim Mittagessen zu viel getrunken hatte, und anstatt sich auszuruhen hatte er sich in der Nachmittagshitze auf den Weg gemacht, aus dem naiven Drang, in wenigen Stunden etwas von einer Stadt zu sehen, die für ihn gar nicht sichtbar sein konnte. Er war das Sehen schon lange nicht mehr gewohnt. Seine Blindheit hatte nichts mit dem Augenlicht zu tun. Seine Augen hatten gelernt zu taxieren. Sie unterteilten, was sie zu sehen bekamen, in Licht und Schatten, in Einfallswinkel und Ausschnitte, fast als könnten sie schon ohne technisches Gerät die Objekte heranzoomen, um das beste Bild wiederzugeben. Er war ein personifizierter Widergabemechanismus, der ihm so verinnerlicht war, dass es ihm erst jetzt, mit dem Blick auf das ersehnte Meer, deutlich wurde. Denn auf der blauen Fläche, das Meer lag ruhig vor ihm, gab es nichts Reizvolles für eine Kameraeinstellung. Er blickte sich um. Der Strand war verlassen, bis auf drei Hunde, die nach einem Krebs jagten. Ein Motorrad hatte tiefe Spuren in den Sand gedrückt, sie verloren sich in der Weite. Taddäus wusste nicht, weshalb er hier war. Er dachte an Mariana, an ihren Blick, als sie auf ein Wort von ihm wartete. Ich hatte Taddäus beobachtet und die anderen gefragt, was sie meinten. Alle dachten, es wäre besser, ihn in Ruhe zu lassen. Er gab keinerlei Zeichen, dass ihm Gesellschaft fehlte oder dass er an irgendetwas interessiert wäre. Er hing den ganzen Tag nur herum, las, schlief, und trank abwechselnd Gin mit Wasser oder Whiskey. Vielleicht war er die ganze Zeit betrunken, das weiß ich nicht genau. Ich war ja immer wieder auf der Suche nach Jobs und unterwegs zu Leuten, die irgendwas zu tun hatten. Westler meistens, die gerade angekommen waren. Die führte ich manchmal herum und zeigte ihnen, wo was zu bekommen war. Es gab ja dort alles, außer einem stabilen Internetzugang, aber das war den meisten egal. Irgendwann fiel mir ein, dass der Mann vielleicht auch Probleme haben könnte. Ich meine, ich wollte ihm natürlich seine Ruhe lassen, aber mir war auch wichtig, dass es in unserer kleinen Enklave friedlich blieb. Die anderen fanden, ich wäre paranoid und ich sollte mich beruhigen, aber der Gedanke hatte sich eben festgesetzt und ich wollte ihm nur mal ein bisschen auf den Zahn fühlen. Ich hätte ihn nicht gerade gefragt, ob er vorhabe sich ins Wasser zu werfen, aber trotzdem wollte ich herausfinden, was er so vorhatte. Also sprach ich ihn an. Er lag auf einer Holzpritsche und hatte vielleicht gerade geschlafen, jedenfalls reagierte er ziemlich langsam. Aber ich war fest entschlossen, also kam er irgendwann doch mit und einige von uns gingen mit ihm essen. Später traf ich sie in unserer Strand-Bar. Ich war schon beruhigt, und ich fand es schade dass er so verschlossen war. Irgendwie gefiel er mir. Die Tage und Nächte in dem kleinen Ort blieben für Taddäus so, wie sie begonnen hatten. Er verharrte in einer dumpfen Müdigkeit, die nicht von ihm wich. In den heißen Mittagsstunden zog er sich in den Schatten seiner Veranda zurück und manchmal, wenn die Hitze unerträglich wurde, legte er sich auf das Bett unter den Ventilator und döste. Hin und wieder schwamm er ein paar Runden im Meer, aber das Wasser erfrischte ihn nur kurz. Es war, als würde eine seit Jahrzehnten in seinen Knochen gelagerte Erschöpfung nach ihm greifen und ihn zum Stillstand zwingen. An eine Weiterreise dachte er nicht mehr, er würde, wenn nötig, solange hier an diesem Strand herumliegen, bis ein klarer Gedanken oder ein Impuls ihn störten. Die Trägheit hatte sich seiner vollkommen bemächtigt, er gab sich ihr hin wie einer großen Liebe. Er konnte sich keine Möglichkeit des Widerstands vorstellen, schon der Gedanke an eine Aktivität ließ ihn noch tiefer hinein sinken. Er genoss die Willenlosigkeit, alles war ihm einerlei. So lag er stundenlang in einer weichen Sandkuhle oder auf der unbequemen Liege und spazierte nur am Abend, wenn die Hitze ein wenig milder wurde, langsam ins Städtchen. Den Bewohnern der anderen Bungalows ging er aus dem Weg, so gut es ging. Einmal ließ er sich von einer Frau überreden, einen Drink mit einer Gruppe junger Leute zu nehmen. Sie war keine Inderin, aber sie trug einen Sari, oder Teile davon, so genau konnte er es nicht sagen. Jedenfalls fiel irgendwo ein viel zu langes Tuch über ihre Schulter und bedeckte vorne ihren gebräunten Bauch. Sie reichte ihm ein Getränk und fragte in schlechtem Englisch, woher er käme. Jetzt geht das los, dachte er und zwang sich, freundlich zu nicken. Er setzte sich auf. Die Sonne war untergegangen, die Dämmerung warf ein letztes, warmes Licht auf das Wasser. Er folgte ihr, noch etwas benommen und mit schmerzender Schulter, und er konnte nur knapp verhindern, dass sie ihn an der Hand fasste und mit sich zog. Sie führte ihn zu einer Gruppe von Leuten mit heller Hautfarbe, die auf denselben unbequemen Holzliegen lagen oder saßen wie jene, von der er sich gerade erhoben hatte. Man begrüßte ihn und machte ihm Platz. Sie trafen sich zum Sonnenuntergang, um gemeinsam mit einem Drink den Abend zu beginnen, erklärte ihm Franka und deutete auf den Bungalow hinter ihr. Hier wohne ich, sagte sie. Die Bungalows sahen alle zum Verwechseln ähnlich aus. Die Leute waren nett, entspannt und nicht besonders neugierig, was ihn nach und nach beruhigte. Das Getränk war scheußlich süß und er bat um Wasser, das ihm von einem jungen Mann mit Dreadlocks gereicht wurde. Zwei der jungen Leute wollten ihn in ein Restaurant begleiten, das ihm empfohlen wurde, weil es die sauberste Küche zu haben schien. Keiner von ihnen hatte nach dem Essen dort je Durchfall bekommen, weshalb es den Neuankömmlingen immer zuerst gezeigt wurde, erfuhr er.
Ich glaube mein Sterben begann schon vor langer Zeit und ich habe es damals nicht richtig bemerkt. Man sagt, es geht vielen so, denn niemand weiß genaueres über diesen Prozess, und daher könnte es doch auch ganz unbemerkt bleiben. Manchmal soll es sogar sehr lange dauern, Jahre oder sogar Jahrzehnte, bis der Betreffende sich eingestehen muss, was ihm widerfahren ist. Wenn ich versuche, mich daran zu erinnern, fällt mir ein Nachmittag in Wien ein. Es war schwül, ich lag auf dem Sofa und dachte darüber nach, woran es liegen könnte, dass ich keinerlei Gefühle hatte. Plötzlich lag sie offen vor mir, im fahlen Sonnenlicht meines Zimmers, eine Leerstelle, die mir so vertraut geworden war, dass ich sie gänzlich übersehen hatte. Ich konnte mich nicht mehr daran erinnern, wann ich zuletzt ein wirkliches, echtes Gefühl empfunden hatte. Ist Müdigkeit ein Gefühl? Wahrscheinlich nicht. Ich war plötzlich sehr verunsichert, und ich schwitzte. Ich war nicht einmal mehr sicher, ob die Schwüle in meinem Zimmer tatsächlich in irgendeinem Zusammenhang mit meiner Körpertemperatur stand. Ich stand mit zitternden Knien auf und ging ziellos einmal um den Couchtisch herum. Ich hatte einen Fehler entdeckt, den ich nicht gelten lassen konnte: Wenn ich nichts fühlen soll, warum dann die aufsteigende Panik, die meine Hände zittern und meinen Mund so elend trocken werden lässt! Ich ging vorsichtig in die Küche, jeden Schritt genau abwägend, denn ich war jetzt auch nicht mehr sicher, ob der Boden mich tragen würde. Als ich eine Kopfschmerztablette mit dem kühlen Weißwein hinunter spülte, wurde mein trockener Mund nur noch heißer und durstiger. Ich hielt meinen schweißnassen Kopf in die offene Kühlschranktüre. Nicht nur, dass ich mich seit langem an keine Gefühle mehr erinnern konnte. Ich fragte mich, ob ich überhaupt einen Körper besaß. Ich meine, natürlich ging ich herum und so, ich bewegte mich irgendwie, und der Körper, der sich bewegte, sah immer gleich aus. Nicht über die Jahre gesehen natürlich, aber grundsätzlich. Deswegen fühlte er sich aber nicht vertraut an. Er war mir ebenso fremd wie der Körper eines beliebigen anderen Menschen. Ich betrachtete meine Hände und erkannte sie nicht als etwas, das zu mir gehörte. Ich fürchtete mich davor, in den Spiegel zu sehen, und vor allem wäre ich mir dabei albern vorgekommen. Ich blieb lieber mit dem Kopf in der Kühlschranktüre am Boden kauern. Das elende Gefühl der Unwirklichkeit war so schon beängstigend genug. Es dauerte noch zwei weitere Wochen, bis seinem ersten Impuls nach Bewegung ein zweiter folgte. Seine Erschöpfung hatte eher noch zugenommen, die Tage an diesem Ort schienen ihm endlos und zäh. Taddäus hatte eine Hängematte auf der Veranda befestigt, aus der er sich nur erhob, um Nahrung oder Getränke aus dem inzwischen doch gefüllten Kühlschrank zu holen oder auf die Toilette zu gehen. Der Kühlschrank machte in regelmäßigen Abständen einen solchen Lärm, dass Taddäus auch die Nächte in der Hängematte verbrachte. Er versuchte einen halben Nachmittag lang, das Moskitonetz so zu befestigen, dass er auch in der Hängematte geschützt wäre, aber es gelang ihm nicht. Also schmierte er sich vor dem Schlafen ein Gel auf die Haut, das zwar stank und auf kleinen Hautabschürfungen schmerzhaft brannte, aber die Mücken hielt der Geruch nicht ab. Liebe Mariana, Am frühen Morgen, kurz nach Sonnenaufgang, hielt der Zug in einer Stadt und Taddäus stieg aus. Während der Fahrt hatte er deutlich das irritierende Bild einer sauberen Hütte mitten im Dreck des Mumbaier Slums vor sich gesehen. Das monotone Rauschen in seinen Ohren hatte aufgehört. Er war in der Dunkelheit des Abteils überzeugt, dass seine Augen schärfer sahen als je zuvor. Er unterschied feinste Grauschattierungen im Schwarz der unbeleuchteten Landschaft vor seinem Fenster. Und nachdem er die halbe Nacht seinen wieder gewonnenen Blick erprobt hatte, wollte er zurück nach Mumbai. Er wollte noch einmal genau hinsehen. Vielleicht würde ihm dort etwas Besseres einfallen, was er Mariana schreiben könnte. Er fuhr mit dem Taxi zum nächsten Flughafen und buchte einen Flug nach Mumbai. Gauri nahm den Kleinen auf den Arm und machte sich auf den Weg zum Wasser. Der Plastikeimer leckte aus einem Sprung, den ihr Mann versucht hatte zu reparieren, aber das Klebeband hielt nicht. So musste sie zweimal laufen, um genügend Wasser zum Kochen zu haben, und wenn dabei der Kleine im Tuch auf ihrem Rücken saß, musste sie dreimal gehen, weil sie sich dann langsamer bewegte. Sie wollte das Kind nicht mehr zurücklassen, seit ein Fremder ganz nah beim Eingang herumgelungert war. Zu viele Geschichten von verschwundenen Kindern kursierten unter den Armen dieser Stadt. Manche behaupteten, die Kinder hätten Glück, sie würden von reichen Adoptiveltern in Amerika oder Europa großgezogen und könnten dort zur Schule gehen. Aber Gauri hatte auch schon gehört, dass man ihnen Organe entnahm und sie dann aussetzte. Die Organe wären für kranke Kinder im Westen bestimmt. Sie ließ ihren Sohn nicht allein, selbst wenn sie nur zu Asha ging, um sich Salz zu borgen. Asha wohnte ein wenig näher an der Mauer, an der sich das Fenster einer Hotelküche befand. Der Koch war ein freundlicher Mann, er ließ immer wieder Lebensmittel und Gewürze in Ashas Hand gleiten. Gauri und Asha waren befreundet, sie stammten aus demselben Dorf und sie waren beinahe gleichzeitig nach Mumbai gekommen. Gauri folgte ihrem Mann eine Weile nach ihrer Hochzeit, als sie bemerkte, dass sie schwanger war, obwohl er noch keine Arbeit gefunden hatte. Sie wollte bei ihm sein. Asha war etwas später gekommen, ohne einen Ehemann, weil sie eine Stelle an der Rezeption eines kleinen Hotels bekommen hatte. Ihr Gehalt reichte nicht aus, um genügend nach Hause zu schicken und sich ein Zimmer zu mieten. Sie waren beide in die Bretterbuden gezogen.
Es gab Menschen, die noch weniger zum Leben hatten, die auf der Straße schliefen, irgendwo in einem Hauseingang. Die Bretterbuden waren nicht viel mehr, aber immerhin hatten sie ein Dach und Wände, innen mit Plastikplanen bespannt. Das hielt den Staub fern, ließ aber die Hitze auch abends in dem kleinen Raum stehen. Gauri hatte das Kind in diesem Raum geboren, und ihr Mann fand noch immer keine regelmäßige Arbeit. Hin und wieder konnte er für ein Hotel Botengänge machen und dergleichen, aber das brachte nicht viel Geld. Ich weiß nicht, was mich wirklich dazu getrieben hat, noch einmal in diesen Slum zu gehen. Es war verrückt, die ganzen Wochen, in denen ich irgendwie in mich versunken war und kaum etwas von der Außenwelt registrierte, leuchtete dieses Bild in meinem Hirn wie eine Sirene. Da war ich einen kurzen Moment an einem Bretterverschlag vorbeigefahren und sah nichts weiter als ein Mädchen, das dort in der Hitze und in dem Dreck ihren blöden Verschlag putzte. Dieses Putzen fand ich so absurd inmitten des ganzen Elends, das sie umgab. Und nicht nur das Putzen war es, was mich dabei so irritierte, denn das hätte auch zu einer Verrückten gepasst, die sich nach ihrem Abstieg in die Slums noch einbildete, in einem Palast zu wohnen und dort Goldklinken zu putzen – aber das war sie nicht. Sie war fröhlich und strahlte, als wäre die Welt vollkommen. Mein Eindruck war richtig gewesen, sie trug ein Baby in einem Tuch, als ich sie wiederfand. Ich glaube, ich habe in der Zeit fast alle Slums von Mumbai gesehen, ich hatte keine Ahnung mehr, wo ich das Mädchen finden sollte. Es hätte auch gut sein können, dass sie gar nicht mehr hier war, gestorben, oder zurück aufs Land zu den Eltern oder was weiß ich. Die Leute schlafen unter Brücken und auf Gehsteigen, von den Müllhalden will ich gar nichts erzählen. Die Bretterbuden waren immerhin noch eine Art geschützter Zone, die nicht dem Verkehr und den Raubvögeln gehörte. Ich erkannte sie wieder, weil sie direkt an einer vierspurigen Straße lagen und sich manchmal lkws durch den staubigen Weg zwängten, um den Stau abzukürzen. An diesem Weg fand ich sie wieder. Die Hütte war einfach zu finden, meine Erinnerung hatte mich nicht getäuscht. Ich glaube, dieses verrückte Mädchen hat sogar die Holzbalken geschrubbt, jedenfalls leuchteten sie sauber in der Sonne. Die Bretter der anderen Hütten waren schwarz und stumpf. Sie stand mit ihrem tropfendem Eimer vor mir und erschrak, weil ich ihr helfen wollte. Ich glaube, das war der Moment, in dem ich aufhörte, zu den Toten zu gehören. Es hat nichts mit ihr zu tun, ich will nicht sagen, sie hätte mich irgendwie verwandelt. Gar nicht. Es war mir auch nicht bewusst, dort in diesem Ghetto. Ich habe erst viele Jahre später bemerkt, dass sich in diesem Moment etwas umgekehrt hatte in mir. So etwas zeigt sich ja nicht an irgendwelchen Symptomen, die plötzlich verschwinden oder so. Wenn ein Fieberschub vorbei ist, weiß man, jetzt geht es wieder in die andere Richtung, ich kann wieder gehen und sprechen und solche Dinge. Aber dort, als ich vor Gauri stand, wusste ich gar nichts. Nur dass sie einen neuen Eimer brauchte.
|